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04.09.2019

Bloßes Anheben einer Leiter nicht geeignet für Rotatorenmanschettenverletzung

Voraussetzung einer traumatischen Verletzung einer Sehne der Rotatorenmanschette ist ein geeigneter Unfallablauf im Sinne einer unnatürlichen Zugbelastung der Sehne. Fehlt es an dieser unnatürlichen Zugbelastung, kann der Vorgang nicht Ursache eines Rotatorenmanschettenschadens sein. Das gilt unabhängig davon, wie heftig er auch gewesen sein mag. Daher ist das bloße Anheben einer Leiter an sich nicht geeignet, eine Rotatoren­manschetten­verletzung hervorzurufen.

http://www.wkdis.de/aktuelles/images/aktuelles-leiter_unfall.jpg

Sachverhalt:

Zwischen den Beteiligten ist - zuletzt noch - umstritten, ob Veränderungen im Bereich des rechten Schultergelenks (Defekt der Supraspinatussehne, Schleimbeutel- und Spornbildung) als weitere Folgen eines Arbeitsunfalls anzuerkennen sind. Der Kläger ist als Maler und Lackierer beschäftigt. Am Unfalltag wollte er eine ca. 30 kg schwere Leiter auf die nächste Gerüstlage befördern. Hierzu hob er die Leiter mit nach vorn angewinkelten Armen langsam nach oben an, wobei er einen stichartigen Schmerz und einen Kraftverlust im rechten Schultergelenk verspürte. Da er die Leiter nicht mehr halten konnte, fiel diese auf ihn zurück und traf ihn an der rechten Hüfte. Die beklagte Berufsgenossenschaft wertete die radiologischen und arthroskopischen Unterlagen aus und erkannte als Arbeitsunfall und als Unfallfolge allein eine folgenlos ausgeheilte Prellung der rechten Hüfte an. Zugleich lehnte sie die Anerkennung eines Defekts der Supraspinatussehne als Unfallfolge mit der Begründung ab, dass der Unfallhergang nicht geeignet gewesen sei, Schädigungen der rechten Schulter hervorzurufen; auch die arthroskopischen Befunde würden eher degenerative Veränderungen nahelegen. Hiergegen erhob der Maler Klage zum Sozialgericht Karlsruhe.

Entscheidungsanalyse:

Das Sozialgericht Karlsruhe hat entscheiden, dass die traumatische Verletzung einer Sehne der Rotatorenmanschette nach medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen einen geeigneten Unfallablauf im Sinne einer unnatürlichen Zugbelastung der Sehne voraussetzt und eine solche unnatürliche Zugbelastung im Falle des Klägers nicht vorgelegen hat. Das Gericht hebt hervor, dass der geschilderte Hergang bereits dem Grunde nach nicht geeignet war, eine traumatische Verletzung der Supraspinatussehne zu bewirken. Nach der herrschenden medizinisch-wissenschaftlichen Lehrmeinung gelten als potentiell geeignete Verletzungsmechanismen für einen traumatischen Rotatorenmanschettenriss ein massives plötzliches Rückwärtsreißen oder Heranführen des Armes, wenn dieser zuvor fixiert war, z.B. beim Rückschlag einer Maschine oder beim Hängenbleiben mit dem Arm bei erheblicher Beschleunigung des Körpers, ein Sturz aus der Höhe nach vorne und Festhalten mit der Hand oder ein Treppensturz und Festhalten mit der Hand am Geländer, so dass der Arm nach hinten gerissen wird, das unplanmäßige Auffangen eines schweren stürzenden Gegenstandes sowie der Sturz auf den nach hinten ausgestreckten Arm mit Aufprall auf Hand oder Ellenbogen, führt das SG aus. Dagegen können laut Gericht direkte Krafteinwirkungen auf die Schulter wie Sturz, Prellung, Schlag, eine fortgeleitete Krafteinwirkung bei seitlicher oder vorwärtsgeführter Armhaltung (Stauchung), ein Sturz in den elevierten, d.h. nach oben ausgestreckten Arm, aktive Tätigkeiten, die zu einer abrupten, aber planmäßigen Muskelkontraktion führen (Heben, Halten, Werfen) und plötzliche Muskelanspannungen keine isolierten Verletzungen der geschützt in der Tiefe liegenden Supraspinatussehne hervorrufen. Eine unfallbedingte Verletzung von Sehnen der Rotatorenmanschette setzt danach eine unnatürliche Zugbelastung der Sehnen voraus, präzisiert das SG. Fehlt diese unnatürliche Zugbelastung, kann der Vorgang, wie heftig er auch gewesen sein mag, nicht Ursache des Rotatorenmanschettenschadens sein. Das Gericht führt beispielhaft einen vom Versicherten bewusst und kontrolliert ausgeführten Hebevorgang an. Der Kläger habe die etwa 30 kg schwere Leiter im Rahmen einer von ihm willentlich getragenen und gesteuerten Eigenbewegung mit nach vorn angewinkelten Armen nach oben angehoben. Dieses innere und durch seine Willensbildung und Kraftanstrengung von ihm gesteuerte und kontrollierte Geschehen hat nach dem Dafürhalten des Gerichts die erforderliche unnatürliche Zugbelastung der Sehnen der Rotatorenmanschette, insbesondere der Supraspinatussehne, von außen gerade ausgeschlossen. Denn eine irgendwie geartete plötzliche Ablenkung, eine Fehlgängigkeit oder sonstige überraschende Momente im Sinne einer unnatürlichen Zugbelastung der Sehnen seien dabei ersichtlich nicht aufgetreten. Die völlig vom Willen des Klägers gesteuerte Handlung wies mithin - abgesehen vom Auftreten plötzlich einschießender Schmerzen im rechten Schultergelenk, dem Loslassen der Leiter und deren Anprall an die rechte Hüfte - gerade kein Überraschungsmoment auf, stellt das SG klar. Der Unfallhergang habe daher allein den Stellenwert einer rechtlich bedeutungslosen Gelegenheitsursache. Dementsprechend blieb die Klage erfolglos.

Praxishinweis:

Diese Gesundheitsstörungen sind hier nicht mit Wahrscheinlichkeit ursächlich auf das Unfallereignis zurückzuführen. Beweisrechtlich muss beachtet werden, dass der Ursachenzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und den Unfallfolgen als anspruchsbegründende Voraussetzung positiv festgestellt werden muss. Dies ist häufig bei einem klar erkennbaren Ursache-Wirkungszusammenhang, vor allem, wenn es keine feststellbare konkurrierende Ursache gibt, unproblematsich. Zu Berücksichtigen ist jedoch im Bereich des Arbeitsunfallrechts laut SG Karlsruhe folgendes: Es existiert keine Beweisregel, dass bei fehlender Alternativursache die versicherte naturwissenschaftliche Ursache automatisch auch eine wesentliche Ursache ist, weil dies insbesondere bei komplexen Krankheitsgeschehen zu einer Beweislastumkehr führen würde.

Urteil des SG Karlsruhe vom 27.06.2019, Az.: S 1 U 3580/18